Bruno hat 100 Freunde: Über virtuelle und reale Freundschaften

Bruno hat 100 Freunde: Über virtuelle und reale Freundschaften

Der wunderbare Alibri-Verlag hat mir dieses Buch zu meiner Bestellung (Rezension kommt noch) als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bruno ist mit seinen Freunden im Wald unterwegs, als er ein sonderbares Ding am Boden entdeckt. Es zeigt ihm Bilder, die er noch nie gesehen hat; Wörter, die er noch nie gelesen hat; Geräusche, die er noch nie gehört hat und bringt ihm ganz viele neue Freunde. Leider hat er deshalb für seine alten Freunde, Renzo und Rico, weniger Zeit. Überall ist er mit dem Mobiltelefon beschäftigt – bis der Akku leer ist. Er gerät in Panik, weil er seine virtuellen Freunde verloren hat, aber er findet seine alten Freunde. Die trösten ihn und laden ihn ein, wieder etwas zusammen zu machen. Also legt Bruno das Mobiltelefon wieder dorthin, wo er es gefunden hat, damit es sein eigentlicher Besitzer, der Fuchs, wieder bekommt.

Ein medienkritisches Kinderbuch?

Das Buch von Francesca Pirrone ist richtig schön illustriert und kommt mit kurzen Texten aus. Wer nur die Texte betrachtet, kann das Buch schon als Kritik zu unserem Umgang mit Neuen Medien und sozialen Netzwerken interpretieren. Ich finde, wenn man genau hinsieht, erkennt man einige Zwischentöne, die Interpretationen offen lassen.

Über Grenzen gehen aus Faszination an der neuen Technik

Genau genommen nimmt Bruno das Mobiltelefon ja unrechtmäßig an sich. Solange die Bären im Wald unterwegs sind, tauchen an verschiedenen Ecken Fuchsohren oder der Fuchsschwanz auf, der eigentliche Besitzer ist also nicht weit und vermutlich auf der Suche nach seinem Smartphone. Daran dass er das Handy zurückgeben sollte, denkt Bruno aber erst am Ende der Geschichte.

Bruno ist dann zuhause nur noch mit seinem Fundstück beschäftigt: Auch das ist soweit nachvollziehbar – es ist ja neu und es kann spannende Dinge. Für seine Freunde ist es anscheinend weniger interessant, sie können seine Begeisterung auch nicht so ganz nachvollziehen, aber sie lassen ihn machen – nur als er (anscheinend) Ewigkeiten auf der Toilette braucht, sieht man ihnen Unbehagen an, aber auch da weniger wegen dem Ding sondern vielmehr, weil sie durch die Wartezeit in Bedrängnis gelangen. Erst als Bruno sie nicht einmal mit extra für ihn gemachten Lieblings-Brötchen zum Honigsuchen mitkommen möchte, machen sie sich Sorgen. Aber auch da lassen sie ihn schlussendlich in Ruhe und machen eben das, was sie schön finden.

lesestoffmitdaumenkino-bruno-hat-100-freunde-01.JPG
lesestoffmitdaumenkino-bruno-hat-100-freunde-02.JPG

Ladekabel vs. Telefonnetz, Mediennutzung vs. Freundschaftspflege

Möglicherweise ist es ein Übersetzungsfehler, aber als dem Smartphone der Akku ausgeht und es sich abschaltet, läuft Bruno durch den Wald und beantwortet die Frage seiner Freunde, was er denn da macht mit “Ich suche ein Telefonnetz, um eine Verbindung herzustellen …” Technisch genau genommen bräuchte Bruno ja ein Ladekabel, vielleicht soll der Satz auch zeigen, dass Bruno sich mit der Funktionsweise des Gerätes nicht wirklich auskennt. Es kommt nicht auf Dasselbe.

Warum reagieren Renzo und Rico so gelassen?

Es kommt übrigens auch nicht auf dasselbe, wenn Mediennutzung mit sozialer Kontaktpflege (online oder offline) gleichgesetzt wird. Natürlich sind die 500 Freunde, die Bruno am Ende hat, kein Vergleich zu seinen wahren Freunden, die auch dann für ihn da sind, wenn der Strom aus ist. Eine Frage, die noch eine weitere Dimension in punkto Mediensucht aufmacht ist ja auch: Warum lassen sich Renzo und Rico durch Brunos exzessive Mediennutzung nicht aus der Ruhe bringen? Meine Interpretation ist: Sie vertrauen darauf, dass die neue Wunderbox früher oder später ihre Faszination verliert und Bruno sich (auch) wieder auf die “Dinge” konzentrieren wird, die ihm wirklich wichtig sind – schöne Bilder, spannende Geschichten, neue Klänge hin oder her.

lesestoffmitdaumenkino-bruno-hat-100-freunde-03.JPG
lesestoffmitdaumenkino-bruno-hat-100-freunde-04.JPG
lesestoffmitdaumenkino-bruno-hat-100-freunde-06.JPG
lesestoffmitdaumenkino-bruno-hat-100-freunde-05.JPG

Faszination oder Sucht?

In Dinge voll und ganz einzutauchen, die einen (kurzzeitig) faszinieren ist noch lange keine Sucht. Sucht entsteht vor allem dort, wo gute (zwischenmenschliche) Beziehungen und Lebensumstände fehlen. Was Bruno betrifft, erzählt uns seine Geschichte vor allem von “wahrer Freundschaft” und nicht von Mediensucht.

Unterm Strich würde ich “Bruno hat 100 Freunde” als einen wertvollen Beitrag zu mehr Medienkompetenz und zwischenmenschlicher Kompetenz bezeichnen: Es sind nicht die Dinge, die uns von (freundschaftlichen) Beziehungen abhalten sondern die Beziehungen selbst ;-)

Bruno hat 100 Freunde *
Alibri Verlag
Francesca Pirrone (Autor & Illustration)
ISBN: 978-3854521976
Empfohlenes Alter: 4 bis 6 Jahre
ca. 16 Euro

(Das kleine Bild verlinkt auf Amazon.*)


GRRRRR!: Über Wettbewerb, Konkurrenzdenken und Freundschaft

GRRRRR!: Über Wettbewerb, Konkurrenzdenken und Freundschaft

Stinky & Dirty: Von Missgeschicken, Zuversicht und Zusammenhalt

Stinky & Dirty: Von Missgeschicken, Zuversicht und Zusammenhalt