Kleine Kinder und Neue Medien – meine Meinung dazu

Kleine Kinder und Neue Medien – meine Meinung dazu


Müssen so kleine Kinder schon Zugang zu neuen Medien haben?

Müssen? Nein. Können? Jein. Es kommt für mich persönlich (ich bin weder Medienpädagogin noch Kinderpsychologin) auf das Kind und den Inhalt an. Bei uns funktioniert Mediennutzung ganz gut mit Hilfe von Co-Regulation (erkläre ich gleich noch). Sie schauen relativ selbstbestimmt fern und haben auch nahezu uneingeschränkten Zugang zu Tablet und Smartphone. In 90 Prozent der Fälle* bin ich aber direkt daneben – ich weiß also, was sie schauen oder spielen und kann auch beobachten, wenn ihnen etwas zu viel oder zu stressig wird (und damit auch „eingreifen“).

 


Worauf achte ich bei den Inhalten?

Ebenso wie bei der Auswahl von Büchern, suche ich Apps oder Sendungen aus, die entweder zu den (aktuellen) Interessen meiner Kinder passen könnten oder von denen ich glaube, dass sie das Thema interessieren könnte. Wenn das so ist und sie gut damit klarkommen (inhaltlich oder bei Apps zB spielt auch die Handhabung eine Rolle), können sie darauf – wie auf ihre Bücher und Spielsachen frei zugreifen – wenn es die Zeit und Situation erlaubt.** 

Ich (persönlich) finde es wichtig, dass sowohl TV-Inhalte (lineares Fernsehen nutzen wir eigentlich kaum) als auch App-Inhalte eher ruhig geschnitten und nicht zu komplex sind. Das heißt, dass Szenen nicht zu schnell wechseln und der Handlungsablauf oder Erzählstrang (Plot) leicht nachvollziehbar ist. Alles andere finde ich, überfordert sie einfach schnell – wie vermutlich die meisten Kleinkinder. 

Ich setze also – wenn man so will – bei der Medienauswahl eher auf Fremdbestimmung, indem (überwiegend) ich die zur Verfügung stehenden Inhalte bestimme. Bei der Mediennutzung dagegen biete ich tendenziell nur meine Hilfe an.  (Je älter sie werden, umso weniger mische ich mich auch in die Inhalte ein, wir reden mittlerweile einfach darüber und sie schauen auch Inhalte, die ich "blöd/zu aufregend" finde.)

Kriterien und weitere Hinweise, die bei der Auswahl von Apps helfen können, haben zum Beispiel  Medienkindergarten.wien, die Medienpädagogin Kathrin Mertens oder das Media Literacy Lab zusammengestellt.


Co-Regulation, Selbstregulation, Selbstbestimmung, Fremdbestimmung – was heißt das?

Co-Regulation bedeutet (für mich) bei Mediennutzung, dass ich meine Kinder damit nicht alleine lasse. Einerseits will ich wissen, was sie schauen oder spielen, weil sie ja oft auch währenddessen oder danach mit mir darüber reden. Andererseits will ich meinen Kindern dann Hilfe anbieten können, wenn sie selbst nicht aus der Situation rauskommen – zB weil die Sendung sie zu sehr aufregt oder sie zu müde werden, um sich vom Fernseher oder Tablet zu lösen. 

In den meisten Fällen reicht es sie daran zu erinnern, dass sie ja ausschalten können oder ich sie bitte das Tablet anzustecken, um es aufzuladen. In anderen Fällen biete ich ihnen Alternativen an, die sie auch gerne mögen. Das fällt für mich in die Kategorie, ihnen die Übergänge von einer Situation (Fernsehen, am Handy spielen) zu einer anderen Situation (wir müssen gehen, wir könnten xy spielen) zu erleichtern.

Hilfreich finde ich auch Medienformate, die nicht allzu lange sind. Ich bilde mir ein für meine beiden ist es leichter, sich mit mir auf „noch eine letzte Folge“ zu einigen, wenn diese Folge nach 5 Minuten vorbei ist (statt nach 15). 

Kinder sollten meiner Meinung nach auf dem Weg zur selbstbestimmten Mediennutzung nicht alleine gelassen werden – und das unabhängig vom Alter. Sehr wahrscheinlich fällt es Kinder je älter sie werden einfacher sich selbst zu regulieren – einfach weil sie Erfahrungen gesammelt haben und selbst merken, wenn Inhalte ihnen nicht gut tun oder es ihnen zu viel wird und Strategien gefunden haben, wie umschalten oder ausschalten oder etwas anderes machen. 

Dafür braucht es auch keinen Fernseher, kein Tablet oder Smartphone als „Übungsgerät“ sondern einfach Zeit und Erfahrungen von Selbstwirksamkeit (ich kenne mich und meine Bedürfnisse und kann mir in herausfordernden Situationen selbst helfen oder nach Hilfe fragen). 

Ich hoffe, ich habe das halbwegs nachvollziehbar erklärt, ansonsten könnt ihr beispielsweise bei Olivia von Freefamily.rocks mehr über Selbstbestimmung und Selbstregulation nachlesen. Es gibt auch ein Video von Olivia, in dem sie über Fernsehen und Co-Regulation spricht. Und sie sieht Medienkonsum auch durchaus kritischer (als ich).


Wenn es nicht nötig ist, warum nutzen wir dann trotzdem Fernseher, Tablet & Co?

Wir (Erwachsenen) nutzen diese Medien, deshalb wachsen unsere Kinder ganz selbstverständlich mit ihnen auf. 

Ich sehe auch keine „Gefahr“ im Medienkonsum an sich. Aida S. de Rodriguez hat in mehreren Artikeln zusammengefasst, warum man keine Angst vor der Sucht haben muss. Aber bei Selbstregulation und Selbstbestimmung betrifft muss halt jeder für sich und seine Kinder einen eigenen Weg finden. Denn auch wenn Medienkonsum bei uns selbstbestimmter abläuft, sehe ich die Verantwortung schon bei mir solange meine Kinder eben noch Kinder sind. 

Außerdem sehe ich in den Medienangeboten durchaus Lern- und Unterhaltungspotential – ebenso wie beim (Vor-)Lesen oder Spielen im Freien.

Über die Ängste vor den negativen Folgen von Medienkonsum hat zB auch Ruth Abraham von derkompass.org geschrieben: "Lernen findet an und mit allem statt. Und Bildschirme sind wunderbare Lernorte."

Auf dem Blog "Die Physik von Beziehungen" von Aida S. de Rodriguez gibt es einen Beitrag zum "Wert" von Medien wie Buch, TV, Spielzeug. Und ich teile die Schlussfolgerung, dass keines der Medien besser oder schlechter ist als das andere. "Ein Kind vorm Fernseher abzustellen und sein eigenes Ding zu machen, halte ich für exakt so schädlich wie ein Kind mit einem Haufen Lego in sein Zimmer zu setzen und es dann zu vergessen." schreibt Jenny da.

Natürlich gibt es Mechanismen, die es (nicht nur Kindern) schwieriger machen, sich vom Fernseher oder Tablet zu lösen. Das was für Erwachsene die Cliffhanger beim Serienmarathon sind, ist für Kinder die Vorschau auf die nächste Serie bei YouTube. Computerspiele und Apps sind oft so aufgebaut, dass sie unmittelbare Erfolgserlebnisse bieten („Instant Gratification“) und damit aber auch das schwierige Thema „Loben“ bedienen. 


Was mache ich in den restlichen zehn Prozent der Fälle, wenn ich nicht mitschaue/ mitspiele und wann gibt’s kein TV, Tablet & co?

*Die restlichen zehn Prozent bin ich ein paar Minuten in der Küche um zB Wasser aufzustellen oder mit einem der beiden auf der Toilette oder spiele mit dem anderen in Hör- und Sichtweite. Gelegentlich räume ich nebenbei auch auf oder lese ein paar Seiten in Erwachsenenbüchern.

** Situationen, in denen sie nicht frei auf Tablet & co. zugreifen können sind zum Beispiel Zeiten, wo ich selbst das Smartphone brauche (um kurz zu telefonieren oder eine E-Mail zu schreiben) oder wenn wir irgendwo essen und ich denn Nebentisch und unseren nicht mit Gebimmel aus einem Spiel belästigen will (– da reicht es dann aber unter Umständen auch einfach den Ton auszumachen). Oder wenn’s halt grad nicht geht, zB weil wir los wollen, der Junior gerne eine YouTube-Folge schauen will und im Auto (no na ned) kein WLan zur Verfügung steht. Und was sich halt sonst so ergibt.

¯\_(ツ)_/¯


"Mein erstes Buch von …" - Schiebeeffekte #ftw

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